Sexuelle
Belästigung

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – Rechte und Hand­lungs­möglich­keiten

Sexuelle Belästigung

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt häufiger vor, als viele denken. Ob anzügliche Kommentare, unerwünschte Berührungen oder übergriffiges Verhalten – Betroffene fühlen sich oft unsicher, wie sie reagieren sollen.

Hier erfährst du, was als sexuelle Belästigung gilt, welche Rechte du hast und was du tun kannst, wenn du betroffen bist. Außerdem zeigen wir, wie ver.di dich unterstützen kann.

Welche Formen sexu­eller Beläs­tigung gibt es?

Weil bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz häufig nicht das sexuelle Interesse am Gegenüber ausschlaggebend ist, sondern der Versuch von Machtausübung, wird heute vermehrt von „sexualisierter Belästigung“ gesprochen. Grundsätzlich unterscheidet man hier zwischen drei Formen:

  1. Verbale Formen – hier geht es um anzügliche Bemerkungen, zweideutige Kommentare, unangemessene Fragen zum Privatleben oder zur Intimsphäre, aufdringliche Einladungen zu Verabredungen oder Aufforderungen zu intimen oder sexuellen Handlungen.
  2. Nonverbale Formen – wie durchdringendes Anstarren oder In-den-Ausschnitt-Starren, Pfeifen, herabwürdigende Gesten, das Versenden unerwünschter Nachrichten, Fotos oder Videos mit sexueller Konnotation oder aufdringliche Annäherungsversuche in sozialen Netzwerken.
  3. Physische Formen reichen von unerwünschten, mitunter beiläufig erscheinenden Berührungen (Streicheln, Tätscheln, Grapschen) über wiederholte körperliche Annäherungsversuche wie das Aufdrängen von Umarmungen oder Küssen bis hin zu exhibitionistischen Handlungen und sexuellen Übergriffen.

Flirt oder sexu­elle Beläs­tigung – wo liegt die Grenze?

Vor allem verbale und nonverbale Formen sexueller Belästigung werden oft verharmlost. Da heißt es dann, der Ton im jeweiligen Betrieb sei eben etwas rustikaler, oder es wird unterstellt, die betroffene Person habe einen Flirtversuch oder ein „Kompliment“ nicht verstanden. Dabei ist die Grenze klar: Flirten geschieht in beiderseitigem Einvernehmen, belästigendes Verhalten nicht.

Kolleg*in XY pfeift dir schon mal hinterher? Der oder die Chef*in spendiert gelegentlich ungefragt eine Nackenmassage? Der oder die Abteilungsleiter*in kommentiert mit Vorliebe, wie deine Kleidung deinen Körper zur Geltung bringt? Wenn du solche Situationen kennst, ist das zwar nichts Ungewöhnliches, es bedeutet aber noch lange nicht, dass du damit leben musst. Spätestens, wenn du oder andere betroffene Personen durch sexuelle Belästigung gedemütigt oder bloßgestellt werden, muss gehandelt werden.

Was tun bei sexu­eller Beläs­tigung am Arbeits­platz?

Ganz wichtig: Suche die Schuld nicht bei dir – nicht die Betroffenen sind verantwortlich, sondern die Belästigenden! Nimm deine eigenen Gefühle ernst und reagiere entschieden.

Mache der betreffenden Person deutlich, dass du dich sexuell belästigt fühlst.

Zeigt sich der Täter/die Täterin nicht einsichtig, beschwere dich bei der betrieblichen Beschwerdestelle, die im Betrieb bekannt gemacht sein muss. Gibt es keine solche, muss sie eingerichtet werden:

  • Wende dich an deine Gleichstellungs- oder Frauenbeauftragte*n.
  • Informiere deinen Arbeitgeber*in.
  • Wende dich an den Betriebs- oder Personalrat.
  • Sprich mit einer Person deines Vertrauens über die Vorfälle.

Du findest auch Beratung und Hilfe außerhalb deines Unternehmens:

ver.di hilft.

So unterstützt ver.di Betroffene

ver.di unterstützt Mitglieder bei Konflikten im Job und bei Fällen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Mitglieder erhalten unter anderem:

  • Beratung bei arbeitsrechtlichen Fragen
  • Unterstützung durch Betriebsräte
  • Rechtsschutz im Arbeitsrecht

Auch Männer können betroffen sein

Es ist statistisch erwiesen: Von sexueller Belästigung sind mehr Frauen betroffen als Männer. Aber auch Männer werden oftmals Opfer verbaler und körperlicher Übergriffe – sei es durch Frauen oder durch andere Männer. Das vorherrschende Rollenbild macht es Männern jedoch schwer, sich als Opfer zu outen. Dazu kommt die Befürchtung, man würde ihnen nicht glauben oder ihre Empfindungen für übertrieben halten. Schließlich könnten sie sich doch viel leichter wehren.

Hinzu kommt das Klischee, dass Männer sexuelle Avancen per se gut finden. Nach dem Motto „Die macht dich an? Das hättest du wohl gern.“ So wie Frauen sehen sich auch Männer ähnlich falschen Klischees ausgesetzt. Grundsätzlich gilt aber für alle das gleiche Recht, Grenzen zu ziehen, egal ob Mann oder Frau. Letztlich brauchen alle ein Arbeitsklima, in dem sexuelle Belästigung nicht toleriert wird, ganz gleich, von welchem Geschlecht sie ausgeht und gegen wen sie sich richtet.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in Zahlen

Wie viele Beschäftigte geben an, schon einmal sexuelle Be­läs­ti­gung erlebt zu haben?
Wie viele der 30 DAX-Unter­nehmen haben noch keine Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu diesem Thema?
Wie viele Be­schäf­tigte wissen nicht, dass Arbeit­geber bei diesem Thema schutz­verpflichtet sind?
Quelle: ver.di

Sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte – was tun?

Bei Belästigungen durch Vorgesetzte erscheint es zunächst besonders risikoreich, sich zu wehren. Aber auch hier gibt es einfache und klare Gegenmaßnahmen, die ergriffen werden können.

Wenn es sich bei der aufdringlichen Person um den oder die eigene*n Vorgesetzte*n handelt, solltest du dich an dessen Vorgesetzte*n wenden. Dieser ist gesetzlich verpflichtet, Hilfe zu leisten. Sollten die Belästigungen trotzdem nicht aufhören und der Arbeitgeber nimmt keine geeigneten Maßnahmen vor, steht dir sofort ein schriftlich zu erklärendes Leistungsverweigerungsrecht zu. Das bewirkt, dass du Anspruch auf Bezahlung hast, auch wenn du der Arbeit fernbleibst. Denn der Arbeitgeber hat die Pflicht, jede Beschwerde ernst zu nehmen, zu prüfen und dafür zu sorgen, dass das belästigende Verhalten aufhört. Sollte er dieser nicht nachkommen, wird er im Rahmen der arbeits- bzw. dienstrechtlichen Möglichkeiten verantwortlich gemacht.

Das Leistungsverweigerungsrecht (§14 AGG) gilt nicht nur bei Belästigungen durch Vorgesetzte, sondern auch bei anderen Beschäftigten. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt klare Regelungen zum Umgang mit und zum Schutz vor sexueller Belästigung vor und ahndet diese auch.

Warum Betroffene oft schweigen

  1. Gegenwehr fängt im Kleinen an: Lache nicht mit, wenn sexistische Sprüche oder Witze gemacht werden. Zeige dem oder der Sprücheklopfer*in, dass sein oder ihr Verhalten nicht erwünscht ist.
  2. Sprich die Kolleg*innen an, wenn du vermutest oder miterlebest, dass andere sexuell belästigt werden.
  3. Wenn du selbst betroffen bist: Nimm die Opferrolle nicht an! Aus der Situation zu flüchten oder sie zu überspielen, kann vom Gegenüber als Erfolg gewertet werden und zu weiteren Konfrontationen führen. Trete der Person deutlich, ruhig und souverän entgegen. Sprich langsam und laut – so laut, dass auch das Umfeld es mitbekommt.
  4. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum im Umgang mit Belästigungen, dass eine deutliche Abfuhr oder eine Beschwerde dem eigenen Ruf oder der Karriere schadet. Denke daran: Belästigende Personen sind sicher schon vorher negativ aufgefallen, ohne dass jemand etwas gesagt hat. Eine ruhige, entschiedene Zurückweisung aufdringlichen Verhaltens kann dir daher großen Respekt einbringen!

Wie das Gesetz vor sexueller Beläs­tigung schützt

Sexuelle Belästigung ist ein Straftatbestand. Es gibt eine Vielzahl gesetzlicher Rechtsquellen, auf die Betroffene wie Verantwortliche im Betrieb zurückgreifen können:

  • Das Strafgesetzbuch (StGB) benennt diverse Tatbestände wie Beleidigung, üble Nachrede, Nötigung, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, exhibitionistische Handlungen und so weiter; mit dem §184i hat der Gesetzgeber 2016 auch Sexuelle Belästigung explizit unter Strafe gestellt.
  • Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) ist die Rechtsgrundlage für Betroffene, um Ansprüche gegen den/die belästigende*n Beschäftigte*n geltend zu machen. Dabei müssen eigene Beweise erbracht und Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit bewiesen werden. Es können auch Ansprüche gegen den Arbeitgeber erhoben werden, wenn dieser einer bekannt gemachten sexualisierten Belästigung nicht entgegentritt.
  • Durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind alle Geschlechter gleichermaßen geschützt. Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. (§1)

Generell ist es sinnvoll, jeden einzelnen Vorfall zu dokumentieren. Sammel in einem Protokoll Antworten auf die fünf wichtigen Fragen: Was? Wann? Wo? Wer? Wie? So hast du bei Bedarf alle Fakten beisammen.

Nicht umsonst sind Unternehmen gemäß dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verpflichtet, gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vorzugehen (§ 12ff. AGG). Sie müssen Prävention betreiben, ihre Beschäftigten schulen und, wenn nötig, angemessene Maßnahmen gegen belästigende Beschäftigte ergreifen. Dazu gehören Abmahnungen, Umsetzungen, Versetzungen oder sogar die Kündigung.

Deine Rechte bei sexueller Belästigung am Arbeits­platz

1. Das Beschwerderecht

In § 13 AGG heißt es: „Die Beschäftigten haben das Recht, sich bei den zuständigen Stellen des Betriebs, des Unternehmens oder der Dienststelle zu beschweren, wenn sie sich im Zusammenhang mit ihrem Beschäftigungsverhältnis vom Arbeitgeber, von Vorgesetzten, anderen Beschäftigten oder Dritten wegen eines in § 1 genannten Grundes benachteiligt fühlen. Die Beschwerde ist zu prüfen und das Ergebnis der oder dem beschwerdeführenden Beschäftigten mitzuteilen.“ Der Arbeitgeber ist also verpflichtet, dem Fall nachzugehen.

2. Das Leistungs­verweigerungsrecht

Kommt der Arbeitgeber dieser Pflicht nicht oder nur unwirksam nach, hast du nach § 14 AGG auch ein Leistungsverweigerungsrecht. Das bedeutet, dass du berechtigt bist, der Arbeit bei vollem Gehalt fernzubleiben, solange es dem Schutz dient. Diese Maßnahme sollte jedoch nur als letztes Mittel erfolgen, sie muss dem oder der Vorgesetzten schriftlich und unter Angabe der Gründe mitgeteilt werden.

3. Das Recht auf Entschädigung und Schadensersatz

Du kannst den Arbeitgeber haftbar machen und Schadensersatz bzw. eine Entschädigung geltend machen. Anders als bei der Beschwerde, die jederzeit – auch rückwirkend – abgegeben werden kann, gilt hier jedoch eine Zwei-Monats-Frist, die am Tag der Tat zu laufen beginnt.

ver.di hilft.

Unterstützung bei sexueller Belästigung im Job

Unseren Mitgliedern bieten wir Beratung und Rechtsbeistand. Über 50 % unserer Mitglieder sind Frauen. ver.di schützt ihre Interessen durch besondere Vertretungen auf allen Ebenen.

Aber auch auf politischer Ebene mischen wir uns ein. So sind wir Gründungsmitglied der kürzlich auf den Weg gebrachten Vertrauensstelle „Themis“ – gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche.

Darüber hinaus fordert ver.di die Weiterentwicklung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), zum Beispiel:

  • die Verlängerung der Frist zur Einreichung einer Klage von zwei auf sechs Monate
  • ein Verbandsklagerecht für Gewerkschaften und Antidiskriminierungsverbände. Das würde die Durchsetzung von Ansprüchen vereinfachen, weil stellvertretend für Betroffene der Klageweg beschritten werden könnte und nicht mehr jede Einzelperson ihr Recht individuell einklagen müsste.

Noch kein ver.di-Mitglied?

Wenn du Unterstützung bei Konflikten im Job oder bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz benötigst, kann eine Mitgliedschaft sinnvoll sein.​ ver.di unterstützt Mitglieder bei arbeitsrechtlichen Fragen und bei Konflikten mit Arbeitgebern.