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„Na, Mäuschen?“
Wehren Sie sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Hier informieren.

Nicht wegschauen. Nicht tolerieren.

„Rate mal, was ich gerne mit dir machen würde!“ „Wenn’s bei dir mal nicht mehr läuft, kannst du dich wenigstens noch hochschlafen!“ „Sag mal, stören dich die Brüste nicht beim Operieren?“ Das sind nur drei von rund 1400 Zuschriften an die Wochenzeitung „Die Zeit“, die ihre Leserinnen und Leser 2017 gefragt hatte, ob sie schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben.

Die große Debatte um #Metoo zeigt: Sexuelle Belästigung im Job tritt in vielen Facetten auf. Und: sie ist kein Randphänomen, sondern zieht sich quer durch alle Berufsgruppen.

Schlimmer noch: Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat sogar jede/r zweite Beschäftigte bereits sexistische Witze, anzügliche Bemerkungen, unerwünschte Berührungen oder andere Formen sexueller Belästigungen erlebt. Betroffen sind dabei mehrheitlich Frauen. Aber auch Männer sowie trans- und intergeschlechtliche Personen gehören zu den Opfern. Doch leider wird immer noch nur in den seltensten Fällen offen darüber gesprochen. Obwohl viele Frauen mutiger geworden sind und das gesellschaftliche Bewusstsein inzwischen schon spürbar geschärft ist, wird das Thema weiterhin tabuisiert – zum einen, weil es mit Machtfragen und der Sorge um Nachteile am Arbeitsplatz verknüpft ist, zum anderen schlicht aus Unwissenheit über Ansprechpartner und Handlungsoptionen. Damit sich hier endlich etwas ändert, wollen wir ganz konkret aufzeigen, was Sie tun können.

Denn die Folgen sind gravierend: Sexuelle Belästigung kann betroffene Beschäftigte demotivieren und krank machen, das Betriebsklima vergiften und die Leistung des Unternehmens beeinträchtigen. Nicht umsonst sind Unternehmen gemäß dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verpflichtet, gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vorzugehen (§ 12ff. AGG). Sie müssen Prävention betreiben, ihre Beschäftigten schulen und, wenn nötig, angemessene Maßnahmen gegen belästigende Beschäftigte ergreifen. Dazu gehören Abmahnungen, Umsetzungen, Versetzungen oder sogar die Kündigung.

Welche Formen der sexuellen Belästigung gibt es?

Weil bei sexueller Belästigung häufig nicht das sexuelle Interesse am Gegenüber ausschlaggebend ist, sondern der Versuch von Machtausübung, wird heute vermehrt von „sexualisierter Belästigung“ gesprochen. Grundsätzlich unterscheidet man hier zwischen drei Formen:

1. Verbale Formen umfassen anzügliche Bemerkungen, zweideutige Kommentare, unangemessene Fragen zum Privatleben oder zur Intimsphäre, aufdringliche Einladungen zu Verabredungen oder Aufforderungen zu intimen oder sexuellen Handlungen.

2. Nonverbale Formen wie durchdringendes Anstarren oder In-den-Ausschnitt-Starren, Pfeifen, herabwürdigende Gesten, das Versenden unerwünschter Messages, Fotos oder Videos mit sexueller Konnotation oder aufdringliche Annäherungsversuche in sozialen Netzwerken.

3. Physische Formen reichen von unerwünschten, mitunter beiläufig erscheinenden Berührungen (Streicheln, Tätscheln, Grapschen) über wiederholte körperliche Annäherungsversuche wie das Aufdrängen von Umarmungen oder Küssen bis hin zu exhibitionistischen Handlungen und sexuellen Übergriffen.

Flirt oder Übergriff

Flirt oder Übergriff – wo beginnt die sexuelle Belästigung?

Vor allem verbale und nonverbale Formen sexueller Belästigung werden oft verharmlost. Da heißt es dann, der Ton im jeweiligen Betrieb sei eben etwas rustikaler, oder es wird unterstellt, die betroffene Person habe einen Flirtversuch oder ein „Kompliment“ nicht verstanden. Dabei ist die Grenze klar: Flirten geschieht in beiderseitigem Einvernehmen, belästigendes Verhalten nicht.

Kollege XY pfeift Ihnen schon mal hinterher? Der Chef spendiert gelegentlich ungefragt eine Nackenmassage? Die Abteilungsleiterin kommentiert mit Vorliebe, wie Ihre Kleidung Ihren Körper zur Geltung bringt? Wenn Sie solche Situationen kennen, ist das zwar nichts Ungewöhnliches. Es bedeutet aber noch lange nicht, dass Sie damit leben müssen. Spätestens, wenn Sie oder andere betroffene Personen durch sexuelle Belästigung gedemütigt oder bloßgestellt werden, muss gehandelt werden.

Wenn Männer zu Opfern werden

Es ist statistisch erwiesen: Von sexueller Belästigung sind mehr Frauen betroffen als Männer. Aber auch Männer werden oftmals Opfer verbaler und körperlicher Übergriffe – sei es durch Frauen oder durch andere Männer. Das vorherrschende Rollenbild macht es Männern jedoch schwer, sich als Opfer zu outen. Dazu kommt die Befürchtung, man würde ihnen nicht glauben oder ihre Empfindungen für übertrieben halten. Schließlich könnten sie sich doch viel leichter wehren. Hinzu kommt das Klischee, dass Männer sexuelle Avancen per se goutieren. Nach dem Motto „Die macht dich an? Das hättest du wohl gern.“ So wie Frauen sehen sich auch Männer ähnlich falschen Klischees ausgesetzt. Grundsätzlich gilt aber für jeden das gleiche Recht, Grenzen zu ziehen, egal ob Mann oder Frau. Letztlich brauchen alle ein Arbeitsklima, in dem sexuelle Belästigung nicht toleriert wird, ganz gleich, von welchem Geschlecht sie ausgeht und gegen wen sie sich richtet.

Wege zur Selbsthilfe:
Was tun, wenn ich betroffen bin?

  • Ganz wichtig: Suchen Sie die Schuld nicht bei Ihnen – nicht die Betroffenen sind verantwortlich, sondern die Belästiger! Darum nehmen Sie Ihre Gefühle ernst und reagieren Sie entschieden.
  • Machen Sie der betreffenden Person deutlich, dass Sie sich sexuell belästigt fühlen.
  • Zeigt sich der Täter/die Täterin nicht einsichtig, beschweren Sie sich bei der betrieblichen Beschwerdestelle, die im Betrieb bekannt gemacht sein muss. Gibt es keine solche, muss sie eingerichtet werden.
  • Wenden Sie sich an Ihre Gleichstellungs- oder Frauenbeauftragte.
  • Informieren Sie Ihren Arbeitgeber.
  • Wenden Sie sich an Ihren Betriebs- oder Personalrat.
  • Sprechen Sie mit einer Person Ihres Vertrauens über die Vorfälle.
  • Beratung und Hilfe bietet auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Fragentelefon: 030 / 18 555 1865)
  • Nutzen Sie das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
  • Suchen Sie Kontakt über die Website www.hilfetelefon.de
Belästigung durch Vorgesetzte

Keine Angst vor großen Tieren

Bei Belästigungen durch Vorgesetzte erscheint es zunächst besonders risikoreich, sich zu wehren. Aber auch hier gibt es einfache und klare Gegenmaßnahmen, die ergriffen werden können.
Wenn es sich bei der aufdringlichen Person um den eigenen Vorgesetzten handelt, sollten Sie sich an dessen Vorgesetzten wenden. Dieser ist gesetzlich verpflichtet, Hilfe zu leisten. Sollten die Belästigungen trotzdem nicht aufhören und der Arbeitgeber nimmt keine geeigneten Maßnahmen vor, steht Ihnen sofort ein schriftlich zu erklärendes Leistungsverweigerungsrecht zu. Das bewirkt, dass Sie Anspruch auf Bezahlung haben, auch wenn Sie der Arbeit fernbleiben. Denn der Arbeitgeber hat die Pflicht, jede Beschwerde ernst zu nehmen, zu prüfen und dafür zu sorgen, dass das belästigende Verhalten aufhört. Sollte er dieser nicht nachkommen, wird er im Rahmen der arbeits- bzw. dienstrechtlichen Möglichkeiten verantwortlich gemacht.

Das Leistungsverweigerungsrecht (§14 AGG) gilt nicht nur bei Belästigungen durch Vorgesetzte, sondern auch bei anderen Beschäftigten. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt klare Regelungen zum Umgang bei und zum Schutz vor sexueller Belästigung vor und ahndet diese auch.

So durchbrechen Sie den Teufelskreis

1. Gegenwehr fängt im Kleinen an: Lachen Sie nicht mit, wenn sexistische Sprüche oder Witze gemacht werden. Zeigen Sie dem Sprücheklopfer, dass sein oder ihr Verhalten nicht erwünscht ist.

2. Sprechen Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen an, wenn Sie vermuten oder miterleben, dass diese sexuell belästigt werden.

3. Wenn Sie selbst betroffen sind: Nehmen Sie die Opferrolle nicht an! Aus der Situation zu flüchten oder sie zu überspielen, kann vom Gegenüber als Erfolg gewertet werden und zu weiteren Konfrontationen führen. Treten Sie der Person deutlich, ruhig und souverän entgegen. Sprechen Sie langsam und laut – so laut, dass auch das Umfeld es mitbekommt.

Nur Mut schafft Respekt

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum im Umgang mit Belästigungen, dass eine deutliche Abfuhr oder eine Beschwerde dem eigenen Ruf oder der Karriere schadet. Denken Sie daran: Belästiger sind sicher schon vor Ihnen negativ aufgefallen, ohne dass jemand etwas gesagt hat. Eine ruhige, entschiedene Zurückweisung aufdringlichen Verhaltens kann Ihnen daher großen Respekt einbringen!

So schützt Sie der Gesetzgeber

Sexuelle Belästigung ist ein Straftatbestand. Es gibt eine Vielzahl gesetzlicher Rechtsquellen, auf die Betroffene wie Verantwortliche im Betrieb zurückgreifen können:

Im Grundgesetz verbürgt sind das Recht auf Würde, die Freiheit der Person, die Gleichstellung der Geschlechter und die Berufsfreiheit.

Das Strafgesetzbuch (StGB) benennt diverse Tatbestände wie Beleidigung, üble Nachrede, Nötigung, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, exhibitionistische Handlungen etc.; mit dem §184i hat der Gesetzgeber 2016 auch Sexuelle Belästigung explizit unter Strafe gestellt.

Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) ist die Rechtsgrundlage für Betroffene, um Ansprüche gegen den/die belästigende/n Beschäftigte/n geltend zu machen. Dabei müssen eigene Beweise erbracht und Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit bewiesen werden. Es können auch Ansprüche gegen den Arbeitgeber erhoben werden, wenn dieser einer bekannt gemachten sexualisierten Belästigung nicht entgegentritt.

Durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind alle Geschlechter gleichermaßen geschützt. Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. (§1)

Generell ist es sinnvoll, jeden einzelnen Vorfall zu dokumentieren. Sammeln Sie in einem Protokoll Antworten auf die fünf wichtigen Fragen: Was? Wann? Wo? Wer? Wie? So haben Sie bei Bedarf alle Fakten beisammen.

Ihre guten Rechte

1. Das Beschwerderecht:

In § 13 AGG heißt es: „Die Beschäftigten haben das Recht, sich bei den zuständigen Stellen des Betriebs, des Unternehmens oder der Dienststelle zu beschweren, wenn sie sich im Zusammenhang mit ihrem Beschäftigungsverhältnis vom Arbeitgeber, von Vorgesetzten, anderen Beschäftigten oder Dritten wegen eines in § 1 genannten Grundes benachteiligt fühlen. Die Beschwerde ist zu prüfen und das Ergebnis der oder dem beschwerdeführenden Beschäftigten mitzuteilen.“ Der Arbeitgeber ist also verpflichtet, Ihrem Fall nachzugehen.

2. Das Leistungs­verweigerungsrecht:

Kommt der Arbeitgeber dieser Pflicht nicht oder nur unwirksam nach, besitzen Sie nach § 14 AGG auch ein Leistungsverweigerungsrecht. Das bedeutet, dass Sie berechtigt sind, Ihrer Arbeit bei vollem Gehalt fernzubleiben, solange es Ihrem Schutz dient. Diese Maßnahme sollte jedoch nur als letztes Mittel erfolgen; sie muss dem Vorgesetzten schriftlich und unter Angabe der Gründe mitgeteilt werden.

3. Das Recht auf Entschädigung und Schadensersatz:

Sie können den Arbeitgeber haftbar und Schadensersatz bzw. eine Entschädigung geltend machen. Anders als bei der Beschwerde, die jederzeit – auch rückwirkend – abgegeben werden kann, gilt hier jedoch eine Zwei-Monats-Frist, die am Tag der Tat zu laufen beginnt.

Das kann ver.di für Sie tun

Unseren Mitgliedern bieten wir Beratung und Rechtsbeistand. Über 50% unserer Mitglieder sind Frauen. ver.di schützt ihre Interessen durch besondere Vertretungen auf allen Ebenen.

Aber auch auf politischer Ebene mischen wir uns ein. So sind wir Gründungsmitglied der kürzlich auf den Weg gebrachten Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche.

Darüber hinaus fordert ver.di die Weiterentwicklung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), zum Beispiel:

  • die Verlängerung der Frist zur Einreichung einer Klage von heute zwei auf sechs Monate
  • ein Verbandsklagerecht für Gewerkschaften und Antidiskriminierungsverbände. Das würde die Durchsetzung von Ansprüchen vereinfachen, weil stellvertretend für Betroffene der Klageweg beschritten werden könnte und nicht mehr jede Einzelperson ihr Recht individuell einklagen müsste.

Außerdem sollten neben den betrieblichen Beschwerdestellen für die Kommunen und auf regionaler Ebene ausreichend finanzielle Mittel zum Ausbau von Beratungsstellen außerhalb der Betriebe zur Verfügung gestellt werden.

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist rund um die Uhr zu erreichen unter der kostenlosen Telefonnummer 08000 - 116 016 (bei Bedarf mit Dolmetscherin), www.hilfetelefon.de

Was, wenn ich kein ver.di-Mitglied bin?

Werden Sie es! Gewerkschaftsleistungen finanzieren sich solidarisch aus den Beiträgen der Mitglieder. Als Mitglied genießen Sie Rechtsschutz und viele weitere Vorteile – und Sie können sich durch ehrenamtliches Engagement aktiv einbringen. Zur Schulung und Qualifizierung bietet ver.di seinen Mitgliedern eigene Seminare an.

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